Gustav Adolf Pourroy
Sonntag, 16. November 2003
Herren
Georg Paul Hefty
Claus-Peter Müller
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Zwischen Stigma und Waschzwang
Sehr geehrte Herren,
Aus den ersten Passagen der Hohmann-Rede kann man erkennen, welche Wege ihn zu solchen Auffassungen führten. Hohmann versucht unser Volk vom Stigma zu lösen. Aber unser Volk trägt das Stigma für immer und ein Stigma lässt sich nicht abwaschen. Schlimm, dass das auch für unsere Jugend gilt, die sich so sichtbar bemüht, vom Stigma los zu kommen.
So war auch die Rede Martin Walsers in der Paulskirche zu verstehen. Er scheut vor dem Stigma, will nichts mehr davon hören. Natürlich gibt es Bewegungen bei uns Deutschen, einen gewissen Waschzwang* einzuführen und zu unterhalten. Das merken viele und wollen nicht regelmässig ermahnt werden. Dagegen können wir uns aber nur wenig wehren.
Hohmanns Hinweise aber, dass auch andere Völker Stigmas tragen, sind weder überraschend noch nützlich, im Gegenteil, sie führen zu sichtbarem Schaden, weil Gräben wieder aufgerissen werden.
Die Annahmen von Hohmann zur Rolle der Juden sind soziologisch gesehen monströser Unsinn. Kollektive Schuld kann zwar behauptet werden, in Wirklichkeit gibt es sie nicht.
Wenn solch Unsinn semantische Allergien auslösen kann, ja, nach Finkelstein bei Christiansen die Reaktionen als Hysterien zu deuten sind, dann stehen wir vor einem Menetekel: Wir sind wieder auf dem Weg zu Bücherverbrennungen. Der Ausschluss aus der Fraktion nach einer von Hohmann angenommenen Rüge war ein grober Verstoss gegen den Grundsatz „ne bis in idem“; bei dem zweiten Gespräch fand man keinen Weg den Unsinn auf den Müllhaufen zu werfen. Entschuldigungen wurden ignoriert. (Siehe Sandro Botticelli "Die Verleumdung") (Florenz, Uffizien La Calunnia) **
Die Erfahrungen des Lebens sagen, dass uns hier die Bergpredigt besser führen konnte. Die Bergpredigt formuliert ein Sittengesetz, dass auch andere Religionen in dieser oder andrer Richtung verfolgen. So kann Schuld aufgehen. Verdrängung als Heilung der Seele ist ein Vademekum für den einzelnen Menschen. Für Sozialkörper - ganze Völker - bedarf dieser Prozess vieler Generationen. Auf Wiedersehen in 500 Jahren. Dann haben wir immer noch ein Stigma, aber der Waschzwang wird erlahmt sein. Freuen wir uns auf diese Zeit.
Mit freundlichen Empfehlungen
gez Gustav Adolf Pourroy
* Waschzwang: Das erste mal in der Literatur von William Shakespeare
beschrieben. Lady Mackbeth versucht sich nach dem Mord an dem Duncan fortwährend
das Blut von ihren Händen zu waschen.
* *Legende zum Bild des Sandro Botticelli "Die Verleumdung (La Calunnia)"
In dem Bild finden sich alle Helfer der Verleumdung wieder: Die aufgeregte Unwissenheit, der einflüsternde Verdacht, die Gehässigkeit, Bruder Missgunst, die Verleumdung selbst mit einer Fackel als Symbol der Ausbreitung des Gerüchtes und schliesslich späte Reue und die nackte Wahrheit. König Midas, zu dem der Unschuldige an Haaren herbeigeschleift wird, ist mit grossen alles begierig aufnehmenden Ohren dargestellt. (Ein Bild zu den Geschichten um Savonarola).
Jede Ähnlichkeit mit gegenwärtiger Geschichte ist rein zufällig.