(Veröffentlicht Märkische Allgemeine Zeitung 1993 ; FAZ/BdW
21.4.1993)
© 1993 Gustav Adolf Pourroy
Der Mensch
im kranken Staat.html
In Reckahn bei Brandenburg / Havel liegt auf dem Dorffriedhof das Grab des
preußischen Staatsministers des Inneren und der Polizei Gustav Adolf Rochus
v. Rochow, dessen 200. Geburtstag sich 1992 jährte. Das Grab ist
ungepflegt und wenig wurde dafür getan - ganz im Gegensatz zu dem nahen Grab
eines anderen Rochow, Friedrich Eberhard, des Pestalozzi von Preussen,
der die Dorfschulen in Preussen einführte und dessen erste Fibel Der
Kinderfreund ein Markstein in der deutschen Pädagogik wurde. Er war so
prominent, daß sogar Margot Honecker in DDR-typischer Politik
Traditionsanleihen bei ihm machte.
G.A. v. Rochow konnte diese Beliebtheit nicht erringen. War er doch jener
Minister, der 1838 auf die Fürsprache eines Elbinger Bürgers für einen der
gerade entlassenen sieben Göttinger Professoren einen von einem beflissenen
Assessor verfaßten Brief unterschrieb, in dem der Satzteil ".... aber
es ziemt ihm ( dem Untertanen ) nicht.....die Handlungen
des Staatsoberhauptes an den Maßstab seiner beschränkten Einsicht
anzulegen...." einen Sturm in der liberalen Presse auslöste. Sicher hätte
Rochow die auch seinerzeit unglückliche Formulierung gern zurückgeholt.
Boshafte Federn - wie die von Georg Herwegh - formten aus der Formulierung
Rochows das Wort vom beschränkten Untertanenverstand . So wurde
schon damals mit Aufblähen von vermeintlicher Schuld Politik gemacht.
Das Urteil über Rochows Leistungen im preußischen Staat fiel aber in der
Geschichte milder aus, als es die damalige liberale Presse formuliert hätte:
König Friedrich Wilhelm IV lobte, wie Treitschke und Marie de la Motte-Fouqué
berichteten "Während England, Österreich, Rußland Millionen dafür ausgeben,
weiß Herr v. Rochow mit 18000 Thalern die hohe Polizei des In- und Auslandes
genügend zu handhaben." Das ist heute eine Summe die Brandenburg in
jeder Stunde für die Polizei ausgeben muß. Rochow hatte - zuständig
auch für die Gewerbe - maßgebenden Einfluß auf die Schaffung der liberal
konzipierten Dampfkesselüberwachungsvereine, die später zum
Technischen Überwachungsverein (TÜV) wurden, und er war ein
wesentlicher Verfasser des preußischen Eisenbahngesetzes.
Heute gibt es keine Untertanen mehr. Aber gibt es - so müssen wir fragen -
eine vollkommen freie Einsicht des Bürgers in die Angelegenheiten des Staates
? Und - umgekehrt - hat denn der Staat eine vollkommene Einsicht in das, was
die Bürger wirklich bewegt ? Auf beide Fragen muß man zweifelnd antworten.
Im Jahr 1991 hat der Bund 73 Gesetze verabschiedet. Die Übersicht des
Bundesgesetzblattes 1991 umfaßt 791 Verordnungen, Erlasse, Bekanntmachungen
und Gesetze . Darunter sind auch so wesentliche Beiträge wie Erste
Verordnung zur Änderung der Apfelbaumrodungsverordnung oder die
Europäische Empfehlung für die Schneehöhe zum Betrieb von Skiliften. Der
Bundes- Bundesanzeiger 1991 hat 8344 Seiten und ist 1,7 m dick. Wie soll sich
der Bürger und der Staat da noch durchfinden? Die vielen Landesgesetze und
Verordnungen - geschweige denn die Entscheidungen der EWG-Kommission - sind
hier gar nicht erwähnt. Das wäre aber alles nur die Basis für alle
Einsichtsmöglichkeiten - darüber hinaus wird eine riesige Fülle von
politischen, kulturellen und lokalen Nachrichten angeboten, die schon aus
ihrer Menge heraus die Einsicht beschränken. So kann man sagen, daß
der Bürger einen tieferen Einblick in den Weltraum hat, als in die
verwirrenden Fakten unseres Gemeinwesens. US-Satelliten konnten sehen,
welche Zeitung Breschnew gerade in seiner Datscha las, aber was das Volk
wirklich denkt, ist schwerer zu erkennen. Mehr noch: unsere Steuergesetze sind
so kompliziert, daß zu ihrem Vollzug - das beklagen die Finanzbeamten -
mindestens noch 3500 Finanzbeamte eingestellt werden müßten. Dafür habe der
Staat kein Geld (sic!) und der Bürger darf frohlocken, daß ihm einiges dadurch
erspart bleibt. Immerhin: wer nur etwas kompliziertere
Einkommensverhältnisse hat, kommt ohne Steuerberater nicht aus. Mehr noch:
alle Lebensordnungen sind unübersichtlich geworden. So beklagt
Altbundeskanzler H.Schmidt, daß er seine Stromrechnung nicht mehr verstehen
kann. Aus diesen Beispielen erhellt, daß der Bürger auch heut zu Tage eine
beschränkte Einsicht in die Angelegenheiten des Staates besitzt.
Aber auch für den Staat sind die Vorgänge im Bereich der Bürger, ihre
Lebensweise und vor allem Ihre Denkstrukturen unübersichtlich geworden. Um
etwas mehr in die Verhältnisse einzusehen, werden zahlreiche
Meinungsstudien veranlaßt. Aber es ist die Teufelei dabei, daß die
Ergebnisse bereits durch die Art der Fragen beeinflußt werden. So hat auch der
Staat heute eine beschränkte Einsicht in die Angelegenheiten der Bürger.
Wie käme es sonst zu so gravierenden Fehleinschätzungen: erst die
Lichterkette von München verschaffte staatlichen Stellen die Gewißheit, daß es
eine richtige Ausländerfeindlichkeit in Deutschland wohl nicht geben
könne und daß hier nur einzelne verbrecherische Elemente handelten. Vorher hat
der Staat in das gleiche Horn wie aufgeregte Medien geblasen. Insbesondere das
Fernsehen machte der Weltöffentlichkeit Glauben , die Irrtümer und Verbrechen
der Nazizeit steckten noch heute in uns.
Gegen die Informationsüberflutung haben die Unternehmen die
Management-Informations -Systeme ( MIS ) geschaffen,. Jeder kann in das
einsehen, wozu er befugt ist. Die Führungskräfte der Wirtschaft
kommen damit klar. Und gegen das dabei geübte - oft lästige - Vorenthalten von
wertvollen, aber für den Einzelnen interessanten Informationen - hat das
Management überall in der Welt ganze Netzwerke geschaffen, bei denen
solche unerläßlichen Informationen auf informellen Wegen beschafft und
weitergegeben werden: Die Management-Kasinos und die Geschäftsessen
in der Welt sind Nachrichten-Börsen. Der Manager weiß durch seine
Präferenzen - Suchraster mit gewissen Entscheidungshypothesen , die von
außen wenig beeinflußbar sind - was ihn interessiert und was nicht.
Anders ist es aber beim Bürger. Er sucht in den Medien nach brauchbaren
Informationen. Die Medien bringen alles , was sie für wichtig halten - oder
aber was sie dem Bürger beibringen wollen. Der Bürger hat dafür Suchraster
entwickelt, die ihm die Informationen aussieben. Aber diese Suchraster werden
ganz entscheidend von den Medien beeinflußt, ja regelrecht
manipuliert. Die zuweilen auch von Dritten manipulierten Medien haben gut
verkaufbare Informationen aufgenommen. Zum Beispiel: Der Bürger hat doch nur
eine beschränkte Möglichkeit, komplizierte Konjunkturprobleme zu durchschauen.
Ingrid Matthäus-Maier stellt immer wieder - sehr zum Ärger von Professor Karl
Schiller - die Umverteilung des Sozialprodukts in den
Vordergrund der notwendigen Maßnahmen zur Ankurbelung der Konjunktur. Allein,
jeder Student der Nationalökonomie weiß ab dem 2. Semester, daß die
Ankurbelung der Investitionen das vorrangig richtige Mittel ist. Die
Steuerexpertin der SPD zielt mit ihrer Argumentation auf den Argwohn der
Bürger, daß doch etwas daran sein müsse, wenn man so viel davon spricht.
Und schon ist ein neuer Suchraster beim Bürger gelegt und so wird die
beschränkte Einsicht des Bürgers in die Angelegenheiten der Wirtschaft aus
parteipolitischen Gründen nach der Wahlurne schielend ausgenutzt.
Der Bürger steht der Fülle von Information sicher kritisch und selbstbewußt
gegenüber. 80 % halten aber die Nachrichten in den Medien - insbesondere beim
Fernsehen für objektiv. Ohne daß es der Bürger merkt, werden seine Suchraster
durch taktisch gefilterte Information manipuliert. Wer hier noch Zweifel hegt,
lese Herbert Riehl-Heyses Buch Bestellte Wahrheiten. Immer wieder
schätzt auch der Staat das Problem der kognitiven Dissonanz völlig
falsch ein. Wie könnte Bayern sonst so intensiv das Projekt Wackersdorf
betrieben haben, wo es doch schon anderen Orts gescheitert war. Hier stehen
wir vor einem eklatanten Fall von beschränkter Einsicht des Staates in
die Denkweisen der Bürger.
Die deutschen Strukturen sind aber dank der föderativen Verfassung
glücklicher geordnet als in anderen Ländern. Wie sich heute
Wirtschaftsunternehmen in kleine überschaubare, leicht zu führende Einheiten
organisieren nach der Maxime Übersichtlichkeit und
Einsicht vor Ort , so steht dem die deutsche Wirtschaftsverfassung
zu unser aller Glück nicht nach. Der deutsche Erfolg wäre ohne die
Wirtschaftspolitik der Länder nicht denkbar. Sie sehen vor Ort, was notwendig
ist, sie haben Einsicht. Andere Nationen werden Jahrzehnte, ja,
ein Jahrhundert ( Rußland ! ) brauchen, um diese für die heutigen komplexen
Wirtschaftsverfahren unerläßliche Struktur zu erreichen. Ein deutscher
Sündenfall gegen diese Notwendigkeit ist die noch von der DDR geschaffene
zentralistisch organisierte Treuhandanstalt, die daher in einem
fortwährenden Konflikt mit den Neuen Bundesländern steht. So besteht
dort fortwährend die Gefahr, daß die Beziehung die Sache steuert.
Deutschlands und des Deutschen Übersichtlichkeit und Einsichtsfähigkeit
- stellen wir Rochows Wort noch einmal in den Vordergrund - ist sicher trotz
der heute hohen Komplexität gewachsen. Wir haben allen Grund optimistisch zu
sein. Wünschenswert wäre aber doch, den Bürger gegen die Manipulationen seiner
Suchraster für brauchbare, entscheidungsrelevante Informationen stärker zu
schützen. Und die Medien haben als Vorstehhunde der Nation die
Verhüllungen von wichtiger Informationen zu verbellen.