Herr Cohn-Bendit, guten Tag,
von Ihren sicher bemerkenswerten Beiträgen zu der Diskussion scheint mir einer
noch näher betrachtet werden zu müssen: Der Beitrag zu Fragen um Nachrufe über
verdiente Beamte, Franz Krapf.
Es besteht über die Nachkriegs-Verdienste dieses Mannes kein vernünftiger
Zweifel. Angehörige des AA haben dann auch den Nachruf besorgt.
Ihr schneidiger und auch lauter Beitrag dazu, steht in einem eindrucksvollen
Widerspruch zu Ihrem humanistischem outfit. Dabei fiel Ihnen gar nicht auf,
dass neben Ihnen der Bundesminister des Auswärtigen sass, Josef Fischer, einem
Mann, dem man vor einiger Zeit seine Steinewerferei in jungen Jahren vorhielt.
Wie er so neben Ihnen sass, war er das lebendige Zeugnis unseres
Gesellschafts-Systems, das auf der Bergpredigt gründet und sicher auch auf dem
Korinther-Brief I/13. Alles ist überwunden und vergeben. Sicher werden Sie auch
für Ihr Leben eine Art petitio principii notwendig haben und es wird
Ihnen vergeben werden.
Ihr Erstaunen über Hannah Arendts Liebe zu Martin Heidegger kann bei einem
Blick in den Korinther Brief eine Erleuchtung finden.
Ganz prinzipiell ist zu sagen, dass wir alle einen Fehler machen, wenn wir der
Jugend immer wieder vermeintliche oder tatsächliche Schuld alter Leute
vortragen: In den Gauck-Behörde macht deutscher Perfektionismus aus 200 km
Akten 220 km.
Statt - nach der Bestrafung der Verbrecher - der Zukunft zu dienen, an ihren Grundlagen zu arbeiten, neuen Perspektiven für die Jugend zu geben, alle Kräfte dem Wiederaufbau zu widmen, schafft der kleinkarierte Teil der Vergangenheitsbewältigung - auch der NAZIZEIT - Unglück für uns alle. Die Unterschätzung der Gesetze der Sozialpsychologie ist bedrückend, der Mangel an Weisheit zu beklagen.
Den Menschen im Volke der früheren DDR oder des Dritten Reiches aber, gequält von Unfreiheit, von Anpassungsverhalten zur Erreichung einer gewissen Stromlinienform, gezwungen sich zu verbiegen, können wir in ihrer Sehnsucht nach Hoffnung und Perspektive besser verstehen, wenn wir uns klar machen, dass ein Volk von lauter Helden, von lauter Stauffenbergs, in einem kranken Sozialsystem absurd ist. So hat auch Kurt Masur gesagt....Eine weisse Weste zu haben ist ein schönes Gefühl. Aber wenn man wirklich ehrlich ist, hat sie keiner von uns....(Die Welt 12.11.91).
Wenn das so ist, hat der neue Staat alles zu tun, das Prinzip der christlichen Vergebung nicht nur im Mund zu führen, sondern in seinen Gesetzen und seiner Politik zu beherzigen. Der einzelne Bürger konnte einem so kranken Staat nicht entrinnen. Denn: Soziale Verhaltensweisen laufen auf Schienen, die vom Sozialsystem vorgegeben sind. Ausserhalb dieser Gleise können sich nur ganz wenige bewegen.
So hat auch Joschka Fischer Polizisten geprügelt und Steine geworfen. Er sass in der Akadmie neben Ihnen als ein lebendiges Absurdum Ihrer puristischen Auslassungen.
Gustav Adolf Pourroy
München, am 25.2.2005