Ein Email an Daniel Cohn-Bendit

 

Herr Cohn-Bendit, guten Tag,

von Ihren sicher bemerkenswerten Beiträgen zu der Diskussion scheint mir einer noch näher betrachtet werden zu müssen: Der Beitrag zu Fragen um Nachrufe über verdiente Beamte, Franz Krapf.

Es besteht über die Nachkriegs-Verdienste dieses Mannes kein vernünftiger Zweifel. Angehörige des AA haben dann auch den Nachruf besorgt.

Ihr schneidiger und auch lauter Beitrag dazu, steht in einem eindrucksvollen Widerspruch zu  Ihrem humanistischem outfit. Dabei fiel Ihnen gar nicht auf, dass neben Ihnen der Bundesminister des Auswärtigen sass, Josef Fischer, einem Mann, dem man vor einiger Zeit seine Steinewerferei in jungen Jahren vorhielt. Wie er so neben Ihnen sass, war er das lebendige Zeugnis unseres Gesellschafts-Systems, das auf der Bergpredigt gründet und sicher auch auf dem Korinther-Brief I/13. Alles ist überwunden und vergeben.  Sicher werden Sie auch für Ihr Leben eine Art petitio principii notwendig haben und es wird Ihnen vergeben werden.

Ihr Erstaunen über Hannah Arendts Liebe zu Martin Heidegger  kann bei einem Blick in den Korinther Brief eine Erleuchtung finden.

Ganz prinzipiell ist zu sagen, dass wir alle einen Fehler machen, wenn wir der Jugend immer wieder vermeintliche oder tatsächliche Schuld alter Leute vortragen: In den Gauck-Behörde  macht deutscher Perfektionismus aus 200 km Akten 220 km.

 Statt - nach der Bestrafung der Verbrecher - der Zukunft zu dienen, an ihren Grundlagen zu arbeiten, neuen Perspektiven für die Jugend zu geben, alle Kräfte dem Wiederaufbau zu widmen, schafft der kleinkarierte Teil der Vergangenheitsbewältigung - auch der NAZIZEIT - Unglück für uns alle.  Die Unterschätzung der Gesetze der Sozialpsychologie ist bedrückend, der Mangel an Weisheit zu beklagen.

Den Menschen im Volke der früheren DDR oder des Dritten Reiches aber, gequält von Unfreiheit, von Anpassungsverhalten zur Erreichung einer gewissen Stromlinienform, gezwungen sich zu verbiegen, können wir in ihrer Sehnsucht nach Hoffnung und Perspektive besser verstehen, wenn wir uns klar machen, dass ein Volk von lauter Helden, von lauter Stauffenbergs, in einem kranken Sozialsystem  absurd ist. So hat auch Kurt Masur gesagt....Eine weisse Weste zu haben ist ein schönes Gefühl. Aber wenn man wirklich ehrlich ist, hat sie keiner von uns....(Die Welt 12.11.91).

Wenn das so ist, hat der neue Staat alles zu tun, das Prinzip der christlichen Vergebung nicht nur im Mund zu führen, sondern in seinen Gesetzen und seiner Politik zu beherzigen. Der einzelne Bürger konnte einem so kranken Staat nicht entrinnen. Denn: Soziale Verhaltensweisen laufen auf Schienen, die vom Sozialsystem vorgegeben sind. Ausserhalb dieser Gleise können sich nur ganz wenige bewegen.

So hat auch Joschka Fischer Polizisten geprügelt und Steine geworfen. Er sass in der Akadmie neben Ihnen als ein lebendiges Absurdum Ihrer puristischen Auslassungen.

Vielleicht kann Ihnen dieser Beitrag helfen.
 
Ich gestatte mir Herr Nils Minkmar, Sonntags-FAZ, eine Kopie dieses Emails zu senden.
 
Mit freundlichen Empfehlungen
 

Gustav Adolf Pourroy                    München, am 25.2.2005